Jetzt wollen es alle gewusst haben
31 Januar, 2008 von
Tim Sommer
Die Tränen über die desaströse Wahlschlappe sind bereits nach wenigen Tagen getrocknet. In vielen Gesprächen mit “einfachen” SPD-Mitgliedern, Funktionsträgern und Ratsabgeordneten habe ich in den vergangenen Tagen versucht, die Stimmung in der SPD Wilhelmshaven einzufangen. So sicher, wie sich viele Genossinnen und Genossen noch vor der Landtagswahl waren, dass wir das Direktmandat holen, so klar sind die Aussagen heute.
Doch kurz zur Historie. Wenige Monate vor der Landtagswahl erklärte der frühere SPD-Landtagsabgeordnete Wilfrid Adam (Jahrgang 1947), dass er aus Altersgründen nicht erneut kandidieren wolle. Wie aus dem Nichts tauchte Norbert Schmidt (Jahrgang 1948) auf und vollzog den Generationswechsel in der Partei. Im Rahmen der internen Kandidatenwahl standen Schmidt drei Mitbewerber entgegen. Mit einem denkbar schlechten Ergebnis von nur 61,22 % setzte sich Schmidt im ersten Wahlgang durch.
In flammenden Reden beschwor Schmidt die Parteimitglieder, ihm bei seinem selbsterklärten Ziel, das Direktmandat mit 55 % der Stimmen holen zu wollen, zu unterstützen. Er kündigte erhebliche Erneuerungen an. Einen nie dagewesenen Wahlkampf wolle er führen. Akzente setzen und Visionen verbreiten. Mit den Bürgern wolle er reden, Ängste und Probleme ernst nehmen und nah am Wähler sein.
Bereits zu Beginn des Wahlkampfes zeigte sich, dass nichts von dem was Schmidt angekündigt hatte, in die Tat umgesetzt wurde. Das Internet, als wichtigste Informationsplattform für die jüngere Generation, wurde kläglich vernachlässigt. Mehrere SPD-Seiten wurden im laufenden Wahlkampf abgeschaltet, andere (SPD-Heppens) sind inhaltsleer. An Wahlkampfständen wurden, statt Informationen, Kekse, Kugelschreiber und Taschentücher unter die Menschen gebracht. Kontakt zu den klassischen SPD-Wählerschichten wurde nicht aufgenommen, wodurch diese Wähler der LINKEN zugeschustert wurden. Erneut versuchte Schmidt mit dem Jade-Weser-Port und Industrieansiedlungen den Wahlkampf zu bestreiten, obwohl diese Taktik bereits bei den vergangenen drei Wahlen nicht aufging.
Bereits im laufenden Wahlkampf wurde hinter vorgehaltener Hand von SPD-Mitgliedern geäußert, dass wir mit Norbert Schmidt keine Chance hätten, das Direktmandat zu holen. Neben politischer Blässe wurde ihm, auch von Ratsabgeordneten, mangelnder Einsatz und die Vernachlässigung wichtiger Themen vorgeworfen. Diese Stimmen wurden besonders nach dem Bekanntwerden der Wahlergebnisse immer lauter.
Da, und dies hat die CSU mit Frau Pauli bewiesen, zwar der Königsmord, nicht aber der Königsmörder geliebt wird, bleiben die vorgehaltenen Hände weiter oben. Trotz eines Wahldebakels, trotz der Verfehlung des selbst gesteckten Ziels von 55 % um mehr als 20 %, trotz des schlechtesten Ergebnisses in der Geschichte der SPD Wilhelmshaven, trotz der vierten Wahlniederlage in Folge, trotz eines nie dagewesenen Mitgliederverlustes bleibt die Partei ruhig. Zwar wird intern gemosert und gelästert, kritisiert und ein Wechsel gefordert, wirklich konsequent wird dies aber nicht artikuliert, geschweige denn umgesetzt.
Die Ortsvereine gehen zum Alltag über, die Ratsfraktion geht unbeeindruckt ihren Irrweg weiter, und Norbert Schmidt sagte nach der Wahlniederlage, dass er sich nichts vorzuwerfen hätte und gut schlafen könne. Wenige Tage nach der Wahl bricht die SPD-Fraktion ihr eigenes Wort zum Thema Bürgerbefragung und Sigfried Neumann behauptet im Rat, dass die Mehrheit der Bürger SPD und CDU gewählt hätten. Hierbei sind gleich zwei dramatische Untertöne zu hören.
Zum einen haben gerade einmal 1/3 der Wahlberechtigten der SPD und CDU ihre Stimme gegeben. Und 1/3 war noch nie die Mehrheit! Zum anderen zeigt sich, in welche Richtung die SPD Wilhelmshaven marschiert. Denn für Neumann gehören augenscheinlich SPD und CDU bereits zusammen.
Schon lange hat der Bürger das Gefühl, dass wir in Wilhelmshaven eine heimliche große Koalition führen. Bis auf wenige Nicklichkeiten arbeiten SPD und CDU bereits seit Jahren zusammen. Und seit die CDU, über den Ausstieg der GRÜNEN aus der Jamaika-Kooperation, die (rechnerische) Mehrheit im Rat verloren hat, geht sie auf Schmusekurs mit der SPD.
Die SPD Wilhelmshaven wiederum gefällt sich besser dabei, den politisch und programmatisch näherstehenden GRÜNEN und LINKEN die kalte Schulter zu zeigen und sie zu diffamieren. Dies wäre ja noch verständlich, wenn die SPD in Wilhelmshaven die ja sehr wichtigen Themenbereiche dieser Parteien abdecken würde. Sich aber konservativ zu geben und die politisch nahestehenden Parteien zu verteufeln, ist nachweislich der Untergang der Sozialdemokratie.
Wie mit sozialdemokratischer Politik Wahlen gewonnen werden können, dass haben progressive Politiker wie Klaus Wowereit und Andrea Ypsilanti bewiesen. Werden im Osten von der SPD Koalitionen mit der LINKEN eingegangen, soll dies im Westen unmöglich sein. Was in Berlin geht, darf in Hessen oder Wilhelmshaven nicht sein.
Die Wähler der GRÜNEN und LINKEN sind klassische SPD-Wähler. Viele waren lange Jahre Mitglied der SPD und aktive Köpfe. Helmut Schmidt hat die GRÜNEN möglich gemacht, Gerd Schröder ist für das Erstarken der LINKEN verantwortlich. Und nur wenn es uns gelingt, diese Wählergruppen wieder in der SPD zu vereinen, ist die SPD wieder siegfähig. Das Heil der SPD liegt nicht (und lag nie) in der Mitte, sondern links!
Keine Kommentare - Sie können gerne etwas dazu schreiben! »
